Um auf diesem wunderbaren Planeten weiterleben zu können, müssen wir aus unserer imperialen Lebensweise aussteigen – also unser Leben auf Kosten anderer, auf Kosten der Erde und auf Kosten der künftigen Generationen – und stattdessen einen bedürfnisorientierten Lebensstil entwickeln. Das bedeutet, solidarische Alternativen zu (er-)finden. Thematisch dreht es sich dabei um diese drei Schlagworte aus der Permakultur: earth care, people care, future care.
Wir dürfen die Erde nicht mehr degenerieren – also ausbeuten, kaputtnutzen, zerstören – sondern müssen einen Beitrag leisten, sie zu regenerieren – also aufbauen, pflegnutzen, heilen.
Und schließlich brauchen wir eine andere Haltung zum Leben auf der Erde. Unser Mindset braucht den Wechsel von „anthropozentrisch“ zu „ökologisch“: Nicht mehr der Mensch steht im Mittelpunkt von allem, sondern das Leben selbst. Das Leben aller Erdlinge, egal ob Mensch, Tier, Pflanze. „Wir sind Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will“ (Albert Schweitzer).
Es sind also drei grundlegende Bewegungen:
- von einem imperialen zu einem bedürfnisorientierten Lebensstil,
- von einem degenerierenden zu einem regenerierenden Umgang mit der Erde und allen Erdlingen,
- von einer anthropozentrischen zu einer ökologischen Haltung.
Für all dies ist ein Bewusstseinswandel nötig. Und ich bin überzeugt, dass ein wirklich wirksamer Bewusstseinswandel in seiner Tiefe auch ein spiritueller Prozess ist. Was kann also die christliche Tradition dazu beitragen und wie muss sich christliche Spiritualität weiterentwickeln, um von imperial zu bedürfnisorientiert, von anthropozentrisch zu ökologisch, von degenerativ zu regenerativ zu kommen?
Die Krise, in der wir stecken, ist auch eine geistliche Krise. Im Christentum sind die Gottesliebe und die Nächstenliebe zentral und wurden immer viel bedacht. Mittlerweile tritt auch die Selbstliebe – Gott sei Dank! – aus deren Schatten heraus. Doch die vierte spirituelle Dimension haben wir verloren und vergessen: die Liebe zur Erde. Zur Mutter Erde wie zur Muttererde. Wir haben ja noch nicht mal ein Wort dafür. Daher nenne ich dies nun einfach „Erdliebe“.
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Der Mensch ist zum dominierenden Einflussfaktor auf der Erde geworden, sieben der neun planetaren Belastungsgrenzen sind bereits überschritten und die Stabilität unserer Ökosysteme kommt völlig aus dem Tritt. Wir stehen vor einer beispiellosen Herausforderung, und das Objekt unserer Sorge ist nicht mehr nur die Welt (eine menschenzentrierte Kategorie), sondern der Planet selbst (und damit viel mehr als das Menschengemachte). Wir müssen anfangen, nicht nur global zu denken, sondern auch planetar. Der indische Historiker Dispesh Chakrabarty spricht hier von einer „planetaren Wende“. Und der australische Theologe Denis Edwards beschreibt Konturen einer „planetaren Spiritualität“.
Wir sind aufgerufen, unsere planetare Zugehörigkeit und Verwurzelung zu erkennen und uns in das große Gefüge des Lebens einzufügen, die Muster des Lebens zu entdecken – vielleicht gar eine „Mustersprache der Lebendigkeit“ zu entwickeln? – und einen Sinn für die geologische Zeit (Tiefenzeit, Deep Time) zu verspüren. Dann können wir die Erde nicht nur aus der kurzen Geschichte der Menschheit, des Holozäns oder den wenigen tausend Jahren unserer Zivilisation betrachten, sondern in einen langfristigen Kontext stellen.
Indem wir die Geschichte des Planeten verstehen, lernen wir uns und unsere Bestimmung verstehen. Welche Rolle, welche Aufgabe haben wir als Menschen in der Mehr-als-menschlichen-Welt? Die zerstörerische Sonderrolle, die wir uns als „Krönung der Schöpfung“ zugeschrieben haben, steht uns nicht zu. Vielleicht beginnen wir zunächst damit, Schaden wieder gut zu machen, den Anthropozentrismus zu überwinden und die Mitgeschöpflichkeit aller Lebewesen ernst zu nehmen (einschließlich der Erde selbst). Und wenn Transformationsprozesse eine spirituelle Tiefendimension haben, dann müssen wir uns auch darum kümmern, was wir theologisch verbockt haben: „Heal your own shit!“
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So gut das Konzept von „Nachhaltigkeit“ klingen mag, es ist zu schwach. Es braucht mehr, als nur die Idee, etwas nicht kaputt zu machen (denn das meint Nachhaltigkeit), es braucht Wiederherstellung, Heilung, Regeneration. Das ist einerseits viel ambitionierter als Nachhaltigkeit, anderseits aber auch einfacher. Denn Regeneration ist ein Prinzip des Lebens selbst. Unsere Aufgabe dabei ist es, „regenerative Kulturen zu entwickeln“ (Daniel Christian Wahl), Muster der Regeneration zu erforschen (wie beispielsweise in der Permakultur) und wo immer es geht auf naturbasierte Lösungen zu setzen.
Zum Leben in der Klimakrise gehört auch die Entwicklung eines gesunden Kollapsbewusstseins: die Realität der ökologischen Krisen sehen wollen & sehen können. Die vier Dimensionen der „Deep Adaptation“ (Jem Bendell) bieten gute Leitfragen: Was wollen wir bewahren? Was müssen wir loslassen? Was können wir wiederherstellen? Und womit müssen wir uns versöhnen? Der Sinn von einem Kollaps- oder Krisenbewusstsein ist nicht das Bauen von Bunkern für Reiche, sondern Selbstermächtigung und kollektive Resilienz.
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Wir stecken tief in ökologischen und sozialen Krisen, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht. Weglaufen geht nicht, den Kopf in den Sand stecken bringt nichts und naive Hoffnungssehnsüchte werden uns schon gar nicht retten. Wir brauchen in der Krise eh nicht unbedingt mehr Hoffnung, denn Hoffnung ist ein zweischneidiges Schwert: Hopium (Margaret Wheatley). Was wir vor allem brauchen, ist mehr Liebe, mehr Strategie und mehr Konzentration auf die Sache (Luisa Neubauer).
Was könnte helfen? Hinsehen. Die Wirklichkeit sehen, wie sie ist, führt zudem eher zu Liebe als zu Depression und Doomismus, wie es leider oft unterstellt wird. Was lieben wir so sehr, dass wir es schützen wollen? Wie können wir einander gastlich sein? Wie können wir uns versöhnen mit allem Leben? Wie können wir Regeneration unterstützen? Das sind letztlich alles spirituelle Fragen.
All das geht nicht allein. Wir brauchen Menschen, die mit uns unterwegs sind, Gefährten und Gefährtinnen auf dem Weg. Unsere Aufgabe ist es, einander festzuhalten und den Schleier des Nichthinsehens herunterzureißen (Adrienne Maree Brown).
Das ist Erdliebe.