Was ist Erdliebe?

Erdliebe – das ist die Verbundenheit mit der Erde, samt all den Erdlingen, die darauf leben. Die Sorge um die Erde ist die Grundlage für unser Leben im Anthropozän.

Erdliebe ist eine spirituelle Beziehung zum Leben – neben Gottesliebe, Nächstenliebe und Selbstliebe. Nur wird diese immer wieder vergessen.

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Wir stecken tief in ökologischen und sozialen Krisen, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht. Weglaufen geht nicht, den Kopf in den Sand stecken oder Augen und Ohren zuhalten bringt nichts. Auch wenn das zurzeit leider die gängigen Antworten auf unsere Krisen zu sein scheinen.

Um auf diesem wunderbaren Planeten weiterleben zu können, müssen wir aus unserer imperialen Lebensweise aussteigen – also unser Leben auf Kosten anderer, auf Kosten der Erde und auf Kosten der künftigen Generationen – und stattdessen einen bedürfnisorientierten Lebensstil entwickeln. Das bedeutet, solidarische Alternativen zu (er-)finden. Es geht um earth care, people care und future care.

Wir dürfen die Erde nicht weiter ausbeuten, zerstören und kaputtnutzen (kurz: degenerieren), sondern müssen pflegnutzen und wiederherstellen (kurz: regenerieren). Und so gut das Konzept von „Nachhaltigkeit“ klingen mag, es ist dafür zu schwach. Denn es braucht mehr, als nur die Idee, etwas nicht kaputt zu machen (das meint Nachhaltigkeit), es braucht Regeneration. Das ist ambitionierter als Nachhaltigkeit, anderseits aber auch einfacher. Denn Regeneration ist ein Prinzip des Lebens selbst. Unsere Aufgabe ist es, „regenerative Kulturen zu entwickeln“ (Daniel Christian Wahl), Muster der Regeneration zu erforschen (wie beispielsweise in der Permakultur) und wo immer es geht auf naturbasierte Lösungen zu setzen.

Und schließlich brauchen wir eine andere Haltung zum Leben auf der Erde. Unser Mindset braucht den Wechsel von „anthropozentrisch“ zu „ökologisch“: Nicht mehr der Mensch steht im Mittelpunkt von allem, sondern das Leben selbst. Und zwar das Leben aller Erdlinge, egal ob Mensch, Tier, Pflanze. „Wir sind Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will“ (Albert Schweitzer).

Es sind also drei grundlegende Bewegungen:

  • von einem imperialen zu einem bedürfnisorientierten Lebensstil,
  • von einem degenerierenden zu einem regenerierenden Umgang mit der Erde und
  • von einer anthropozentrischen zu einer ökologischen Haltung.

Ohne Bewusstseinswandel wird das nicht gehen. Und ich bin überzeugt, dass ein wirksamer Bewusstseinswandel auch ein spiritueller Prozess ist. Deshalb interessiert mich, was die christliche Tradition hier beitragen kann. Wie muss sich christliche Spiritualität weiterentwickeln, um von imperial zu bedürfnisorientiert, von degenerativ zu regenerativ und von anthropozentrisch zu ökologisch zu kommen?

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Der Mensch ist zum dominierenden Einflussfaktor auf der Erde geworden, sechs der neun planetaren Belastungsgrenzen sind bereits überschritten und die Stabilität unserer Ökosysteme kommt völlig aus dem Tritt.

Das Objekt unserer Sorge ist nicht mehr nur die Welt (eine menschenzentrierte Kategorie), sondern der Planet selbst. Wir müssen anfangen, nicht nur global zu denken, sondern auch planetar. Der indische Historiker Dispesh Chakrabarty spricht von einer „planetaren Wende“ und der australische Theologe Denis Edwards beschreibt Konturen einer „planetaren Spiritualität“. Bräuchten wir dann nicht auch so etwas wie „planetares Lernen“?

Planetares Lernen könnte uns helfen, unsere Verwurzelung mit unserem Heimatplaneten zu erkennen und uns in die unvorstellbaren Zeitdimensionen des Lebens einzufügen (Tiefenzeit, Deep Time). Wenn wir die Erde nicht nur aus der kurzen Geschichte der Menschheit, des Holozäns oder den wenigen tausend Jahren unserer Zivilisation betrachten, sondern die Geschichte des Lebens auf unserem Planeten verstehen, kommen wir vielleicht unserer Bestimmung näher.

Welche Rolle haben wir als Menschen in der Mehr-als-menschlichen-Welt (David Abram)? Die zerstörerische Sonderrolle, die wir uns als „Krönung der Schöpfung“ zugeschrieben haben, steht uns nicht zu. Vielleicht beginnen wir damit, Schaden wieder gut zu machen und uns darum kümmern, was wir – gerade auch theologisch – verbockt haben. Den Anthropozentrismus überwinden und die Mitgeschöpflichkeit aller Lebewesen ernstnehmen (einschließlich der Erde selbst). „Heal your own shit!“

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Wenn wir schützen wollen, was wir lieben, heißt das auch, uns den neuen Bedingungen des Anthropozäns anzupassen. Allen voran immer intensiveren Klimaextremen. Doch Klimafolgenanpassung darf nicht dem Klimaschutz entgegenstehen. Wir haben die Wahl, wie wir Anpassung gestalten. Bildhaft: Um uns der Hitze anzupassen, können wir auf Klimaanlagen setzen, die die Klimakrise letztlich noch verschärfen, oder auf Begrünung, Entsiegelung und Wiederherstellung von Wasserkreisläufen setzen, die die Klimakrise abmildern.

Wie gehen wir mit Knappheiten um und wie gestalten wir Ressourcenkonflikte? Wie vermeiden wir Klimafaschismus (Kohei Saito) und ein „Survival of the Richest“ (Douglass Rushkoff)? Welche demokratischen gesellschaftlichen Institutionen brauchen wir, um sinnvolle Entscheidungen zu treffen? Letztlich: Wie bleiben wir dran am „Guten Leben für Alle“? Mir gefällt der Gedanke des „Paradising“: Groß denken und Paradiese auf Erden entdecken, schützen, gestalten – und von ihnen erzählen (Sarah Köhler/Constantin Gröhn).   

Was wir dazu brauchen, ist mehr Liebe, mehr Strategie und mehr Konzentration auf die Sache (Luisa Neubauer). All das geht nicht allein. Wir brauchen Menschen, die mit uns unterwegs sind, Gefährten und Gefährtinnen auf dem Weg. Unsere Aufgabe ist es, einander festzuhalten und den Schleier des Nichthinsehens herunterzureißen (Adrienne Maree Brown).

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Zum Leben in der Klimakrise gehört auch die Entwicklung eines gesunden Kollapsbewusstseins: die Realität der ökologischen Krisen sehen wollen & sehen können. Der Sinn von einem Kollaps- oder Krisenbewusstsein ist nicht das Bunker-Bauen für Reiche, sondern Selbstermächtigung und kollektive Resilienz.

Was könnte uns helfen? Hinsehen. Die Wirklichkeit sehen, wie sie ist, führt eher zu Liebe als zu Depression. Was lieben wir so sehr, dass wir es schützen wollen? Wie können wir einander gastlich sein? Wie können wir uns versöhnen mit allem Leben? Wie können wir Regeneration unterstützen?

Das sind letztlich alles spirituelle Fragen. Aber wir sollten nicht in die Falle eines „spiritual bypassing“ laufen. Naive Hoffnungssehnsüchte werden uns nicht retten. Wir brauchen in der Krise eh nicht unbedingt mehr Hoffnung, denn Hoffnung ist ein zweischneidiges Schwert: „Hopium“ nennt es Margaret Wheatley.

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Die Krise, in der wir stecken, ist auch eine geistliche Krise. Im Christentum sind die Gottesliebe und die Nächstenliebe zentral und wurden immer viel bedacht. Mittlerweile tritt auch die Selbstliebe – Gott sei Dank! – aus deren Schatten heraus. Doch die vierte spirituelle Dimension haben wir verloren und vergessen: die Liebe zur Erde. Zur Mutter Erde wie zur Muttererde. Wir haben ja noch nicht mal ein Wort dafür. Daher nenne ich dies nun einfach „Erdliebe“.