Wie reagieren Kirche und Diakonie auf die immer spürbarer werdenden Klimafolgen? Auf Hitze, auf Trockenheit und Wasserknappheit, auf Extremwetterereignisse? Wir sollten die heranziehenden Katastrophen ernstnehmen und auch Kollaps für möglich halten. Die Corona-Pandemie oder der russische Angriffskrieg auf die Ukraine haben verdeutlicht, wie verwundbar hochkomplexe Gesellschaften sind und wie wenig vorbereitet viele Staaten auf Mehrfachkrisen sind.
Das, was wir brauchen, ist kollektive Krisenresilienz. Die beiden Schlüsselelemente sind verlässliche Infrastrukturen und vertrauensvolle Gemeinschaften. Am besten ist es, jetzt in alternative Versorgungsstrukturen und soziales Miteinander zu investieren. Umso mehr Menschen vorbereitet sind, umso mehr alternative Infrastrukturen entwickelt sind, umso mehr solidarische Gemeinschaftsformen etabliert sind, desto besser ist es für alle. Es ist gut, gut vorbereitet zu sein.
Zur Zeit wird in Teilen der Klimabewegung und der gerade neu entstehenden Szene rund um Kollapsbewusstsein ein Gedanke intensiv diskutiert: Wir sollten „diese Katastrophe selbst als strategischen Raum anerkennen, und darin Handlungsoptionen erschaffen, die starke soziale Beziehungen erschaffen, die Communities sowohl in der als auch gegen die Katastrophe stärken, die Resilienz schaffen, ob gegen faschistische Angriffe, oder sozio-ökologische Globalkrisen und ihre lokalen Ausläufer“ (Tadzio Müller).
Daraus ergeben sich spannende Fragen:
- Welche alternativen Versorgungsstrukturen braucht es und wie können sie jetzt vorbereitet werden?
- Welche Sozialformen würden auch in einem Kollaps weiterbestehen? Welcher neuen bedürfte es? Was müssten diese leisten und wie können sie entstehen?
- Wie kann es gelingen, dass im Kollaps Gerechtigkeitsfragen nicht untergehen? Dass nicht ausschließlich das Prinzip „Survival of the Richest“ (Douglas Rushkoff) den Ton angibt?
Gerade Kirche und Diakonie sollten die Bedeutung dieses „strategischen Raumes“ erkennen und den Kairos nutzen. Sie würden zu den Transformationsakteurinnen werden, die sie immer schon sein wollten. Entstehen würden kollapsbewusste kirchliche und diakonische Organisationen, die Krisenvorsorge nicht als Getriebene betreiben, sondern als eine transformative Praxis verstehen.
Das Engagement rund um die beiden Schlüsselfaktoren Gemeinschaften und Versorgungstrukturen kann für Kirche und Diakonie vitalisierend sein: Kirche und Diakonie haben hier viel zu bieten und gleichzeitig würden sie sich selbst dadurch weiterentwickeln. Ich formuliere hierzu wieder einige Fragen:
- Fördert Kollapsbewusstsein Praktiken von Selbstermächtigung? Was würde dies für kirchliche und diakonische Arbeit bedeuten?
- Inwiefern führt ein Kollapsbewusstsein zu neuen Formen von Kirche?
- Und: Könnte dadurch gar eine neue Form „gesellschaftlicher Diakonie“ entstehen?
Die Kirchengemeinden sind von allen zivilgesellschaftlichen Organisationen am stärksten in der Fläche vertreten und können ihre bereits vorhandenen Infrastrukturen und Gemeinschaftsformen mit dem Engagement der Mitglieder, einigen klugen Ideen und verhältnismäßig wenig Geld zu stadtteilbezogenen „Inseln der Krisenresilienz“ entwickeln. Diakonische Einrichtungen werden sich mit Klimaanpassungsmaßnahmen eh beschäftigen müssen, um den eigenen Laden am Laufen zu halten. Mit etwas Zusatzaufwand kann eine weiter gefasste Klimaanpassung, die Krisenresilienz einbezieht und strategisch ausgerichtet ist, eine hohe gesellschaftliche Relevanz entfalten – vielleicht gar eine ganz neue gesellschaftliche Diakonie? Kollapsbewusste Kirche und Diakonie können zu Akteurinnen der Transformation werden, wenn sie ihre Aufgabe und Rolle neu erkennen und füllen.
Wer sich mit Krisenresilienz und Katastrophenvorsorge beschäftigt, wird feststellen, dass dieses Thema nicht nur von Schwere geprägt ist, sondern an vielen Stellen sehr konstruktiv geführt wird. Kann es vielleicht sein, dass uns Kollapsbewusstsein zu einer neuen gemeinschaftlichen Gestaltungskraft führt? Kollapsbewusstsein bedeutet, zu schützen, was wir lieben. Oder in Abwandlung eines Ausspruchs des Dichters Khalil Gibran:
Vorbereitung ist sichtbar gemachte Liebe.
Veranstaltungen
Der Fachtag „Über Leben in Kollapsen“ am 5. Februar in Köln war der Auftakt, um die Debatte um „Kollapsbewusstsein“ in Kirche und Diakonie zu tragen. Eine Veranstaltung der Melanchthon-Akademie zusammen mit der VRK-Akademie, der Ev. Arbeitsstelle für missionarische Kirchenentwicklung und diakonische Profilbildung (midi) und dem Netzwerk Tiefe Anpassung.
Am 6. und 7. November wird der Diskurs mit dem BarCamp „Zwischen Klimaanpassung und Klimakollaps – Christliche Beiträge zu kollektiver Krisenresilienz“ in Berlin weitergeführt. Und es stoßen weitere Mitveranstalter hinzu: „Spirit & Soul“ aus Berlin, die „REFO Moabit“ (in der wir zu Gast sein werden) und das Netzwerk „Eine Erde“.
Projekte
Kirchengemeinden als Krisenresilienz-Anker: Kirchengemeinden haben ein großes Potenzial, um einen wichtigen Beitrag für kollektive Krisenresilienz zu leisten. Im Herbst 2026 mache ich dazu einen Online-Workshop, ab 2027 soll dann ein umfangreicher Kurs dazu starten.
Texte und Material
Meine bisherigen Erkenntnisse und Ideen habe ich in „Neun Thesen zu einer kollapsbewussten Kirche und Diakonie“ zusammengefasst. Die Thesen eignen sich als guter Einstieg in das Thema.
Eine Liste mit gutem Material der AG „Theologie und Kirche in der Klimakrise“ findet sich auf der Seite der VRK-Akademie.
